Ein Volk ohne Aktionäre


20.05.2009 - von Thomas Grüner
Eine gefährliche Entwicklung schreitet voran.

Die Finanzkrise beherrscht weiter die Schlagzeilen in den Medien. Viele so genannte "Krisenticker" finden sich auf den Startseiten großer Portale. Obwohl die globalen Aktienmärkte zu einer Erholung angesetzt haben, hat sich die Schockstarre noch immer nicht aufgelöst.

Ein Trend verfestigt sich dabei zusehends. Private deutsche Aktionäre sterben aus. Lag der Anteil an Auslandsaktionären an deutschen Aktien noch vor 12 Jahren bei unter 10%, so liegt er heute bereits bei durchschnittlich über 50%. Eine wirklich gefährliche Entwicklung?


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Eine globale Welt mit globalen Aktionären

In einer globalen Welt spielt die Aktionärsstruktur eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Richtig wichtig ist nur, dass die Finanzmärkte eines Landes stets genügend Liquidität bieten, um einen funktionierenden Austausch von Angebot und Nachfrage zu gewährleisten. Dies wird im Zuge der Finanzkrise zu einer zusätzlichen Belastung. Bereits heute gibt es in Deutschland nur eine begrenzte Anzahl an Unternehmen, deren Marktkapitalisierung und Börsenumsätze für größere ausländische Investoren geeignet sind. Es wird zunehmend schwieriger, geeignete Nachrücker für den Aufstieg in den DAX zu finden, da viele Unternehmen nur noch einen geringen Streubesitz aufweisen.


Russland und China mit eigenen Problemen

Es stimmt, dass Auslandsaktionäre im schwachen Börsenjahr 2008 große Mengen an Liquidität aus deutschen Aktien abzogen, Inlandsaktionäre jedoch sogar noch mehr. Sie erinnern sich sicher an die Diskussionen seit Frühjahr 2008. Damals befürchteten viele Kommentatoren einen verstärkten Einfluss russischer und chinesischer Staatsfonds und Großinvestoren auf die deutsche Wirtschaft. Die Angst vor feindlichen Übernahmen ging um. Mit der Eskalation der Finanzkrise ist diese Angst eher gewichen. Auch in Russland und China ist das verfügbare Geld für Zukäufe knapper geworden. Beide Länder haben genug mit der Stabilisierung ihrer eigenen Märkte zu tun.


Deutscher Anteil sinkt beständig

Den grundsätzlichen Trend hat das alles jedoch nicht gekippt: Der Anteil deutscher Aktionäre an deutschen Unternehmen wird immer geringer – der Auslandsanteil steigt beständig an. Die ominöse Marke von 50% im Durchschnitt wurde längst überschritten. Kleinanleger besitzen heute nur noch rund 22% der DAX-Titel. Bei einigen DAX-Unternehmen liegt der Anteil ausländischer Aktionäre bereits bei über 70%. In 2002 betrug der Auslandsanteil insgesamt nur rund 30% - 1997 nicht einmal 10%! In den USA ist das Gegenteil der Fall: Dort beträgt der Auslandsanteil an Publikumsgesellschaften (publicly traded stocks) nur rund 11%.


Große Welt – kleines Deutschland

Für diese Entwicklung gibt es natürlich mehrere Gründe. Deutschlands Gewicht am globalen Aktienmarkt beträgt nur rund 3% der weltweiten Börsenkapitalisierung. Deutsche Aktionäre investieren konsequenterweise auch verstärkt in die restlichen 97% der Welt – in Auslandsaktien eben. Zudem hat sich die so genannte Deutschland AG in den letzten Jahren entflochten. Die vielen Überkreuzbeteiligungen wurden auch durch ausländische Großinvestoren übernommen.


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Fazit

Kaum jemand denkt langfristig und in größeren Trends. Deutschlands größte Konzerne sind längst keine deutschen Unternehmen mehr – dies wird langfristig zu einem größeren Problem werden. Ein Volk mit immer weniger Aktionären verliert seinen Einfluss auf die eigene Wirtschaft. Und das ist in der Tat eine große Gefahr. Nur noch rund fünf Prozent der Deutschen besitzen heute Aktien – weniger als die Hälfte als im Jahr 2000. Mit Tages- und Festgeldkonten können keine Stimmrechte ausgeübt werden. Die Politik ignoriert diese Problematik – sie diskutiert in diesem Umfeld die Einführung einer Börsenumsatzsteuer, fordert einen Dividendenverzicht und bringt Enteignungen ins Spiel. Eine tolle Idee - Öl ins Feuer!


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